Liebe Forscher*innen,
Welchen Einfluss hätte es auf das gesellschaftliche Verständnis gegenüber der künstlichen Intelligenz, wenn deren algorithmische Operationen nicht mit (neuro-)psychologischen Begriffen sondern mit Fachbegriffen aus der Informatik beschrieben und benannt würden? Also anstelle von "denken" oder "Lernprozesse" würden strikt Erklärungsbegriffe wie "input" oder "output" stehen.
Was, wenn entsprechend das Gehirn auch nicht mehr als "programmierbar" beschrieben würde? (Ich persönlich empfinde das als eine befremdliche und faktisch falsche Art und Weise finde, Neuroplastizität zu umschreiben.)
Ganz liebe Grüsse
Lili Gamba
Liebe Lili,
vielen Dank für deine kluge und zugleich anspruchsvolle Frage! Sie berührt einen zentralen Punkt im Umgang mit künstlicher Intelligenz: Wie wir darüber sprechen, prägt ganz wesentlich, wie wir sie verstehen. Ich versuche, die Antwort aus beiden Perspektiven zusammenzuführen – einer eher technischen und einer sprach- bzw. gesellschaftskritischen.
Aus informatisch-mathematischer Sicht lässt sich KI (z. B. Sprachmodelle) stark vereinfacht so beschreiben:
Oder noch nüchterner gesagt:
KI berechnet, welche Zeichenfolge statistisch am besten auf eine andere folgt.
Diese Beschreibung macht deutlich:
Es gibt kein Verstehen, kein Bewusstsein, keine Absicht – nur Musterverarbeitung.
Begriffe wie „lernen“, „denken“ oder „halluzinieren“ sind anthropomorphe Metaphern. Sie sind aus zwei Gründen so verbreitet:
Es ist für uns viel leichter, ein bekanntes menschliches Konzept zu nutzen („halluzinieren“), als abstrakte Prozesse wie „Fehler im Wahrscheinlichkeitsraum“ zu erklären.
Technische Begriffe wie „Parameteroptimierung im latenten Raum“ sind korrekt, aber schwer zugänglich.
Das Problem dabei:
Diese Sprache erzeugt schnell die Vorstellung, KI sei menschenähnlich, mit eigenen Gedanken oder Absichten.
Auch die scheinbar „objektive“ technische Beschreibung ist nicht frei von Metaphern. Als zwei Beispiele:
Das bedeutet:
Wir können nicht nicht metaphorisch sprechen.
Jede Beschreibung – ob psychologisch oder technisch – ist geprägt von Sprache, Kultur und Denkmodellen.
Die Antwort ist daher nicht eindeutig, sondern bewusst ambivalent:
Vielleicht lässt sich das so zusammenfassen:
Wir brauchen anschauliche Metaphern, aber wir sollten sie immer als Metaphern kenntlich machen.
Wenn dich das weiter interessiert, lohnt sich ein Blick in die Science and Technology Studies – dort wird genau untersucht, wie Sprache unser Verständnis von Technologie formt (siehe unten).
Herzliche Grüsse
Tobias /Hodel
Literatur:
Bender, Emily M., Timnit Gebru, Angelina McMillan-Major, and Shmargaret Shmitchell. 2021. “On the Dangers of Stochastic Parrots.” Proceedings of the 2021 ACM Conference on Fairness, Accountability, and Transparency (New York, NY, USA), FAccT ’21, vol. 47 (March): 610–23. https://doi.org/10.1145/3442188.3445922.
Meyer, Roland. 2024. “It’s a Flat World. The Synthetic Realities of Sora.” Rrrreflect. Journal of Integrated Design Research; Special Issue 1, 151 KB, 4 pages. https://doi.org/10.57684/COS-1267.
Oberbichler, Sarah, and Cindarella Petz. 2025. Working Paper: Implementing Generative AI in the Historical Studies. Version 1.0. February 25. https://doi.org/10.5281/ZENODO.14924737.
Wunderbar! Ihre Antwort hat mir weitergeholfen. Vielen Dank für Ihre Arbeit!